Accabadora

Accabadora

Roman

Aus dem Italienischen von Julika Brandestini

Quartbuch. 2010
176 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
17,90 €
ISBN 978-3-8031-3226-0
Vergriffen. Als WAT-Ausgabe erhältlich.

Eine Geschichte über Mutter und Tochter, wie sie noch nie erzählt worden ist. Ein Roman, in dem das archaische und das moderne Italien aufeinandertreffen.

Wie Mutter und Tochter leben Bonaria Urrai und die sechsjährige Maria zusammen. Die Bewohner des sardischen Dorfes sehen den beiden verwundert nach und tuscheln, wenn sie die Straße hinunterlaufen. Dabei ist alles ganz einfach: Die alte Schneiderin hat das Mädchen zu sich genommen und zieht es groß, dafür wird Maria sich später um sie kümmern.

Als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe war Maria daran gewöhnt, »die Letzte« und eine zu viel zu sein. Nun hat sie ein eigenes Zimmer in dem großen reinlichen Haus Bonarias, wo alle Türen offen stehen und sie jeden Raum betreten darf. Doch ein Geheimnis umweht die stets schwarz gekleidete, wortkarge Frau, die mitunter nachts, wenn Maria schlafen soll, Besuch erhält und dann das Haus verlässt. Es scheint, als würde Bonaria in zwei Welten leben. Das Mädchen spürt, dass sie nicht danach fragen darf. Erst sehr spät entdeckt sie die ganze Wahrheit.

Michela Murgia erzählt in einer schnörkellosen, poetischen Sprache aus einer scheinbar fernen, doch kaum vergangenen Welt. Von zwei Generationen, zwei Frauenleben, von einem alten, lange verschwiegenen Beruf. Dieser Roman ist sinnlich, radikal und verblüffend gegenwärtig.

Als WAT-Ausgabe und E-Book erhältlich.

Michela Murgia

© Basso Cannarsa

Michela Murgia

Michela Murgia wurde 1972 in Cabras (Sardinien) geboren. Bei Wagenbach erschienen der SALTO-Band »Elf Wege über eine Insel« sowie im Taschenbuch »Camilla im Callcenterland« und »Murmelbrüder«. Ihr Erfolgsroman »Accabadora« wurde in 25 Sprachen übersetzt und auf Deutsch bereits über 150.000 Mal verkauft.

»Dieser Roman hat mich tagelang beschäftigt. Er ist ungeheuer faszinierend.« Amelie Fried, ZDF, Die Vorleser »Eindeutig ein gutes Buch!« Ijoma Mangold, ZDF, Die Vorleser

Pressestimmen

An wenigen Orten ist Tradition so lebendig wie auf Sardinien. Bei einem Besuch kann es einem glatt passieren, dass man sich fragt, in welchem Jahrhundert man gerade ist. Von der kuriosen Mischung aus Magie, Mythos und Moderne erzählt die sardische Autorin Michela Murgia.
Die alte, kinderlose Schneiderin Bonaria holt Maria, das Kind einer armen Familie, zu sich, behandelt es wie ihre eigene Tochter. Maria erhält Zuwendung, eine Ausbildung, und später das Erbe. Dafür kümmert sie sich bis zum Tod um die Alte.
Den sardischen Brauch der formlosen Adoption, die nur auf dem Einverständnis beider Familien basiert, gibt es heute nur noch selten. Doch die Autorin selbst ist ein "Kind des Herzens" - eine "fill'e anima" mit zwei Müttern. "Ich widme mein Buch meiner Mutter - allen beiden", sagt Murgia. "Denn nur beide zusammen sind meine Mutter."
Ohne jedes Pathos, aber sehr poetisch schildert die Autorin das Leben einer abgeschlossenen Gemeinschaft. Fast sachlich erzählt sie von den theatralischen Trauerritualen wie etwa dem Kult der Klageweiber. Ist die Accabadora eher Hexe oder Heilige? "Sie betrachtet sich als letzte Mutter, die manche zu Gesicht bekommen", so Murgia: "Ihr Handeln entspringt einem mütterlichen Impuls. So wie sie als Hebamme bei der Geburt die Nabelschnur durchtrennt, so schneidet sie den letzten Faden des Lebens ab und begleitet den, der nicht sterben kann."

Luzia Braun, ZDF aspekte

 

Michela Murgia wählt in ihrem Erstlingsroman „Accabadora" zwei der urtümlichsten sardischen Bräuche als zentrale Motive: Das Kind einer armen Mutter kann als „Kind der Seele" (fillus de anima beziehungsweise fill'e anima) von einer begüterten, kinderlosen Frau adoptiert werden. Die titelgebende Accabadora hingegen ist eine (vielleicht mythische) Frauenfigur, eine Art Magierin, die Siechenden auf Wunsch Sterbehilfe leistet.

So mächtig der Stoff, so leicht und präzise der Stil: Murgia schlägt einen beinahe heiteren Ton an, fasst urtümliche Bräuche in schlichte, elegante Worte. Das archaische Erbe, das schon die große Stimme Sardiniens, Grazia Deledda, umtrieb – man denke an den Knecht Efix in „Schilf im Wind" (1913) –, wird in „Accabadora" nie zur Last oder Folklore; es ist selbstverständlicher Teil eines Reifeprozesses. „Viele von den Dingen, die sie glaubte an dem Ufer zurückgelassen zu haben, von dem damals das Schiff nach Genua abgelegt hatte, kamen eins nach dem anderen zu ihr zurück, wie Treibholz, das nach einer Sturmflut an den Strand gespült wird." Wer im Erstling so abgeklärt schreibt, hat seine literarische Gärung bereits durchlaufen.

Niklas Bender, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Unter dem dünnen Eis, das die sogenannte Zivilisationsdecke ausmacht, bewegt sich der Mythos, und manchmal scheint er von unten noch an die zerbrechliche Fläche zu klopfen, als solle die Vernunft ihn bemerken, die oben fröstelnd im Tageslicht steht.

Die Accabadora ist solch ein Mythos, der aus der Tiefe an die Gegenwart rührt, und Michela Murgia, eine 38-jährige sardische Theologin, hat ihn mit ihrem beunruhigend schönen ersten Roman ans Licht geholt. Die Geschichte, die sie erzählt, spielt in einem sardischen Dorf der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, an einem Ort, der von Geistern und Seelen ebenso bevölkert ist wie von Menschen und Tieren aus Fleisch und Blut.Diese Stimmung bleibt durch zahlreiche nicht übersetzte sardische Ausdrücke auch in der deutschen Übersetzung erhalten.

Elisabeth von Thadden, Die Zeit

 

Michela Murgias Roman „Accabadora" ist eine Reise in eine untergegangene Welt voller Mythen und Traditionen. Doch das Dorf Soreni ist trotz seiner Zitronenbäume und Weinberge kein Sehnsuchtsort für italophile LeserInnen. Die Autorin weiß um den Reiz der Exotik, doch sie schwelgt nicht darin. Weder der Duft frisch gebackener Orangentörtchen noch die eingestreuten sardischen Mundartausdrücke mildern ihren harten Blick auf eine Kultur, die in ihrer Kindheit noch von den Alten gelebt wurde. Ungebildet, arm und beschränkt sind die Leute dort, wo das Herunterfallen des Brautbrots Unglück bedeutet und das Dienstmädchen weiß, in welche Richtung der Dienstherr seinen Penis in der Hose zu tragen pflegt. Beim Lesen entfaltet sich ein Tableau dörflich-katholischer Enge, das einem die Brust nicht vor Sehnsucht weitet, sondern zusammenschnürt.
„Accabadora" ist also kein Wohlfühlbuch. Es lebt von seiner Unerbittlichkeit. Unheil liegt über dem Dorf, in dem Maria unter der Obhut ihrer Adoptivmutter erwachsen wird und, ganz gegen die Tradition, die Schule bis zum Ende besucht. Etwas Dunkles umgibt Bonaria Urrai, die alle im Dorf mit respektvoller Distanz behandeln. Manchmal bekommt sie nachts Besuch und verlässt das Haus. Nach diesen Besuchen wirkt sie besonders unnahbar:
„Accabadora" ist eine ungewöhnliche Mutter-Tochter-Geschichte, ein Krimi und ein Gedankenspiel darüber, wie eine Gesellschaft mit dem Tod umgeht. Orangentörtchen und Engegefühle beim Lesen inklusive.

Nina Apin, Tageszeitung

 

Sie heißt Maria und ist eine fill'e anima, ein „Seelenkind". Ihre leibliche Mutter hat aus wirtschaftlicher Not auf die jüngste von vier Töchtern verzichtet und sie der alten Tzia Bonaria Urrai überlassen. Mit sicherem Gespür für die Exotik sardischer Sitten entfaltet die Schriftstellerin Michela Murgia das Schicksal ihrer Protagonistin. Sie tut es nach dem Muster der mündlichen Erzählung mit vielen Wiederholungen, Elementen aus Legenden und einer bildhaften Sprache. Murgia, 1972 in Cabras geboren und selbst eine fill'e anima, verlagert die Handlung ihres Romans in die fünfziger Jahre, als das archaische Sardinien durch das italienische Wirtschaftswunder einen Modernisierungsschub erhielt und die verschiedenen Welten besonders harsch aufeinander prallten.

Maike Albath, Deutschlandradio

 

Eine Geschichte voller uralter Riten, voller Aberglauben und poetischem Zauber, die einen in eine scheinbar versunkene Welt versetzt. Dabei muss man sich beim Lesen immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass das Ganze nicht etwa vor 200 Jahren spielt, sondern ungefähr in den 1960er, 70er Jahren. Damals prallten in Sardinien Welten aufeinander: das archaische sardische Landleben auf das moderne Italien. Mit Hilfe ihrer ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Geschichte beschwört Michela Murgia diese widersprüchliche Epoche herauf. Es fühlt sich an, als flüstere einem die Autorin Geheimnisse zu – und wegen ihrer wunderschönen, dichten Sprache kann man nicht anders als ihr zuzuhören. Ein sehr besonderes, verführerisches Buch.

Antje Deistler, WDR

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