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Als 2007 in Istanbul der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink, eine Symbolfigur für die Annäherung der Völker, von einem Nationalisten ermordet wurde, zeigte sich die Regierung in Ankara zwar schockiert – geändert hat dies aber nichts an der unsinnigen Politik der Verleugnung des Genozids. Eine Begegnung mit Hrant Dink setzt Sybille Thelen an den Anfang ihres Buches.
Der schmale Band will keine neuen Fakten ausbreiten. Das ist auch nicht nötig, die Vorgänge sind weitgehend erforscht. Die Autorin interessiert viel mehr, wie die Türkei mit der Katastrophe umgeht. ‚Bekenntnistreue oder Schweigen – lange gab es an türkischen Hochschulen nur diese Alternative', schreibt die Turkologin Thelen. Das starre System wurde aber zuletzt durch das Erzählen und Erinnern gebrochen. Am Ende plädiert Thelen dafür, den Türken bei dem notwendigen Lernprozess, der da heißt ‚Vergangenheitsbewältigung', zu helfen.

 

Christiane Schlötzer, Süddeutsche Zeitung

 

Ein schmales Bändchen. Und doch ein wichtiges, ein sympathisches, ein gut informiertes Buch. Sibylle Thelens Die Armenierfrage in der Türkei kommt zudem zum rechten Zeitpunkt. Wieso die Bewertung der Ereignisse immer noch so schwierig ist, darauf versucht Thelen eine Antwort zu geben. Sie ist Journalistin, aber auch studierte Politikwissenschaftlerin und Turkologin. Kurz gesagt, sie kennt sich aus und kann zudem erzählen und formulieren.
Ihr eigentliches Thema aber ist der Umgang der modernen Türkei mit ihrer problematischen Vergangenheit.
Ihre größte Hoffnung in diesem Kampf zwischen den Beharrungskräften und denen des Wandels sieht sie in der immer selbstbewusster werdenden türkischen Zivilgesellschaft. Dieses neu erwachte Interesse an der eigenen Vergangenheit ist in der Tat für jeden, der es in den letzten Jahren beobachtet hat, eine erstaunliche Angelegenheit. Und am Ende wahrscheinlich eine nachhaltigere als jede offizielle Resolution, deren Berechtigung damit nicht bestritten werden soll. Aber, so Thelen: ‚Geschichte kann den Menschen nicht nur verkündet werden.'
Ein sehr anregendes Buch zu einem wichtigen Thema. Also bitte: lesen!

 

Rolf Hosfeld, Deutschlandradio Kultur

 

Am 24. April 1915 wurden zunächst Istanbuls armenische Intellektuelle verhaftet. Dies war der Auftakt zu den Massendeportationen und Todesmärschen, an deren Ende nach Schätzungen eine Million tote Armenier zu beklagen waren. Bis heute verwahrt sich die Türkei dagegen, dass diese ‚Ereignisse' Völkermord (soykirim) genannt werden.
Erst allmählich, so beschreibt es Sibylle Thelen in dem schmalen Bändchen, beginnt sich der Tabuknoten zu lösen, der auch mit dem Gründungsmythos der Republik zu tun hat, als sich die geschlagene und beinahe zerschlagene Türkei wie der Phönix aus der Asche unter Mustafa Kemal Pascha ‚Atatürk' siegreich erhob. Das Vergessen der Ereignisse bisher weicht langsam einem Bewusstwerdung in Teilen der Bevölkerung, weniger durch offenes Benennen - da winkte im Zweifel bis vor kurzem noch immer der Staatsanwalt wie im Falle des Autors Orhan Pamuk - als durch das Bekanntwerden alter Berichte, Bilder und Erzählungen in den Familien. Da erweist sich die Großmutter namens Fatma plötzlich als Armenierin, die damals mit dem Leben davonkam und zur Muslima bekehrt wurde. Die Autorin will ‚nicht anklagen, schon gar nicht verurteilen', sondern dialogfördernd über die Empfindlichkeiten auf beiden Seiten aufklären.

 

Wolfgang Günther Lerch, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Armenierfrage in der Türkei
Politik bei Wagenbach. Originalausgabe
Pressestimmen
ISBN 978-3-8031-262-0
erschienen 2010