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Leseprobe
Im Morgengrauen fuhr José auf eine Tankstelle gleich hinter der Wüstenstraße. Als er aufschaute, sah er das Mädchen vom Vortag aus einem mit Koffern vollgestopften Citroën herausklettern und auf den kleinen Laden zulaufen. Ohne dass sie es bemerkte, verlor sie auf halber Strecke ihre Lieblingspuppe, die kopfüber auf dem Asphalt landete. Er ging hinüber zu der Puppe, sein Schatten legte sich über ihren perfekten Körper: Der Mund war halb geöffnet, durch die mit beneidenswert ruhiger Hand gezogenen Lippen sah er eine winzige rosafarbene Zunge hervorlugen. Es handelte sich um ein Porzellangeschöpf, die Haut so fein geschliffen, dass sie sich samtig anfühlte wie die eines Neugeborenen. Sein Medizinerauge entdeckte ein paar Unvollkommenheiten, winzig kleine Spuren, die belegten, dass die Puppe Handarbeit war (auch wenn man zweifellos eine importierte Puppe als Muster genommen hatte, eine, wie er sie in den Armen so vieler kleiner deutscher Mädchen aus der Oberschicht gesehen hatte). Dann vernahm er ein beinahe unhörbares Tick-Tack. Er hielt sich die Puppe ans linke Ohr . . . Konnte das eine Uhr sein? Ja, befand er kurz darauf, es war eine Uhr. Im Innern des Körpers versteckt, ganz fest und mitten in der Brust saß sie und tickte. Der Effekt war verwirrend, die Puppe hatte also ein mechanisches Herz. Nie zuvor hatte er eine Porzellanpuppe mit solcher Aufmerksamkeit betrachtet: Es war ein Kunstwerk, das dem Leben allzu nahe kam. »Das ist meine.« Die Hände in die Hüften gestemmt, hatte sich Lilith mit ihren ein Meter dreißig jetzt vor ihm aufgebaut. Er war es gewohnt, Körper auf einen Blick zu erfassen: Das Mädchen wog etwa fünfunddreißig Kilo; gute Ernährung, perfektes Gebiss, alte, aber saubere Kleidung, keine Spuren von Vitaminmangel an Haut, Haar und Nägeln. |
 ISBN 978-3-8031-324-8 erschienen 2012 |