Heim schwimmen

Heim schwimmen

Aus dem Englischen von Richard Barth

Quartbuch. 2013
168 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
Buch 17,90 € / E-Book 12,99 €
ISBN 978-3-8031-3247-5
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Es könnte ein Ferienidyll sein an der französischen Riviera, – wäre da nicht Kitty Finch, die sich in der Villa einnistet und die Lebenshülsen der englischen Familie Jacobs in sich zusammenfallen lässt. Mit kühler Lakonie hält Deborah Levy den Leser bis zum unerwarteten Ende gefangen.

Es ist heiß. Sehr heiß. Sie sind aus London gekommen, um in einem Haus bei Nizza Ferien zu machen: Das Ehepaar Jozef und Isabel Jacobs, er Schriftsteller, sie Kriegsberichterstatterin; die beiden teilen schon lange nichts mehr, außer der Zeit, die sie miteinander verbracht haben. Ihre vierzehnjährige Tochter Nina, die wenig von ihren Eltern hält, aber umso mehr in pubertäre Gefühlsschwankungen verstrickt ist. Schließlich ein befreundetes Ehepaar, dessen Laden gerade pleitegeht. Beste Voraussetzungen für geruhsame Ferien.
Tatsächlich bricht schon bald das Unheil herein. Ein nackter Frauenkörper treibt im Schwimmbad. Aber diese junge Frau namens Kitty Finch ist nicht tot. Schwankend zwischen verletzlich und exaltiert, nistet sich die selbsternannte Botanikerin mit den grüngelackten Nägeln in der Villa ein und mischt die ohnehin komplizierte Lage auf. Und sie wünscht sich nichts mehr, als dass der
Dichter sich mit ihr und ihrem Gedicht »Heim schwimmen« beschäftigt.
Deborah Levy gelingt es, in 160 Seiten und sieben erzählten Tagen ein beunruhigendes und doch vertrautes Familienpanorama zu zeichnen – unbehauste Personen, unfähig zu einem gemeinsamen Zuhause. Ein wahrer Albtraum, wäre das Buch nicht voller witziger Episoden und komischer Figuren.

Deborah Levy

© Jane Thorburn

Deborah Levy

Deborah Levy, 1959 in Südafrika geboren, lebt als Autorin in London. Nach einigen Prosaarbeiten schrieb sie vor allem Drehbücher und Theaterstücke, die unter anderem von der Royal Shakespeare Company aufgeführt wurden. Ihr erstes Buch auf Deutsch Heim schwimmen sorgte weltweit für Furore und war unter den Finalisten des Man Booker Prize 2012.

»Es gibt einige wenige Bücher, Glücksfälle, die für ihre Leser den Trott der Welt mal kurz aus dem Tritt bringen. 'Heim schwimmen' ist so ein Buch: melancholisch und doch scharfzüngig, verwirrend wie ein dunkler Traum – und dabei so grell wie ein Tag an der Côte d’Azur.« Britta Heidemann, Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Leseprobe

Imitiertes Leben

Isabel Jacobs war sich nicht sicher. Alles, was sie seit der Ankunft von Kitty Finch tun konnte, um durch den Tag zu kommen, war, eine Person zu imitieren, die sie einmal gewesen war. Nur dass ihr diejenige, die sie einmal gewesen war, nicht mehr nachahmenswert erschien. Sie wusste nicht mehr, welche Gefühle etwas bei ihr auslöste, woher diese Gefühle kamen, oder warum sie einer Fremden das freie Zimmer angeboten hatte. Sie stand mitten im Leben, war fast 50 Jahre alt und hatte durch ihre Arbeit als Kriegsberichterstatterin zahllose Massaker und Konflikte erlebt, die ihr das Leid auf der Welt hautnah vor Augen geführt hatten. Sie war zu tief in das Unglück dieser Welt eingetaucht, als dass sie noch einmal von vorne anfangen könnte. Wenn sie die Wahl hätte, all das wieder zu vergessen, was sie eigentlich hätte weise machen sollen, dann würde sie noch einmal ganz von vorne anfangen. Sie würde noch einmal heiraten und noch einmal ein Kind bekommen und mit ihrem gut aussehenden
jungen Mann abends am Strand Bier trinken. Sie wären noch einmal bezauberte Anfänger, die sich unter dem strahlenden Sternenhimmel küssen. In ihrem Haus in London war sie eine Art Gespenst. Wenn sie aus irgendeinem Kriegsgebiet zurückkehrte und feststellte, dass in ihrer Abwesenheit die Schuhcreme
oder die Glühbirnen einen neuen Aufbewahrungsort erhalten hatten, in der Nähe, aber eben nicht genau dort, wo sie sonst immer gewesen waren, dann wurde ihr klar, dass auch sie keinen festen Platz im Haus der Familie hatte. Um das zu tun, was sie sich in diesem Leben vorgenommen hatte, riskierte sie es, ihren Platz als Ehefrau und Mutter zu verwirken – ein verwirrender Platz, an dem ihr all die Erwartungen im Nacken saßen, die an einen gestellt wurden, wenn man sich für ihn entschied. Sie hatte versucht, etwas zu sein, was sie nicht ganz begreifen konnte. Eine starke und doch zerbrechliche Frauengestalt. Sie wusste zwar, dass Stärke nicht dasselbe war wie Durchsetzungsfähigkeit und Zerbrechlichkeit nicht dasselbe wie Einfühlsamkeit, aber sie wusste nicht, wie sie dieses Wissen für ihr eigenes Leben fruchtbar machen könnte.

Pressestimmen

»Eine erstaunliche Ökonomie und ein eleganter, dezenter Thrill zeichnen diesen Roman aus. Absolut famos sind seine Bilder, deren Wirkung eher subkutan ist. Und deshalb umso stärker. Oft aus Flora und Fauna stammend, haben sie etwas verblüffend Körperhaftes, als könnten sie sich wie kleine Tiere in der Imagination des Lesers festkrallen. Die neurotische Flatterhaftigkeit von Kitty Finch infiltriert die ganze Szenerie. Sie packt den Leser und verfolgt ihn bis in den Schlaf.«

Meike Feßmann, Deutschlandradio Kultur

 

»Die englische Autorin Deborah Levy erzählt eindrucksvoll von der Stunde des Pan (die hier eine Woche dauert), jener südlichen Bedrohung, der die Menschen hilflos ausgeliefert scheinen. Alle werden von Alpträumen verfolgt und zum Spielball fremder Kräfte. Acht Tage dauert das flirrende Spiel, das alles durcheinander bringt. Die Träume siegen über die Wirklichkeit in diesem Sommer 1994. Der Prolog beginnt mit einem großartigen liebesklugen Satz: ‚Als Kitty Finch das Lenkrad losließ und zu ihm sagte, dass sie ihn liebe, da wusste er nicht mehr, ob sie sich mit ihm unterhielt oder ihm drohte.'«

Manuela Reichart, RBB kulturradio

 

»Levy hat mit Heim schwimmen eine überaus ökonomische Erzählung geschrieben, die immer nur so hoch springt, wie sie muss – und gerade dadurch sehr professionell zu unterhalten weiß. Die oft nur wenige Seiten langen Kapitel sind wie in sich abgeschlossene Filmszenen. Die lakonische Art, in der die Autorin das Zusammenspiel ihrer Figuren beschreibt, ist in ihrer Schonungslosigkeit bestechend. Diese Erzählung feiert die Übertreibung. Die Symbolik des lauernden Verfalls wird offensiv eingesetzt. Natürlich spielt der Pool dabei eine zentrale Rolle. Noch vor den eigentlichen Romanbeginn hat Deborah Levy geschickterweise eine kurze Szene gestellt, die ein zusätzliches Thrillermoment erzeugt, unter dessen Eindruck man ihre Geschichte umso gespannter verschlingt.«

Jan Wiele, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

»Wie ein Schwatz am Pool: Kurz, leicht und sommerlich – abgründig, dunkel und zerbrechlich. Deborah Levys neuer Roman spielt virtuos mit beiden Seiten. Zum Dank verbeugen möchte man sich vor dieser Autorin und ihrem Werk. Der kurze Roman Heim schwimmen von Deborah Levy ist wie ein Schwatz bei einer Zigarette. Eines jener Gespräche, die unerwartet stattfinden, vielleicht mit einer Unbekannten auf einer Party, abseits des Gedränges. Noch Tage später erinnert man sich an die Kunst der Erzählerin und an das Unglaubliche des Erzählten.«

Brigitte Kramer, mare

 

»Heim schwimmen, untertauchen, versinken – Deborah Levys neuester Roman, der für den renommierten Man Booker Prize nominiert wurde, spielt mit beunruhigenden Metaphern rund um das Wasser. Verschwimmende Bilder von Hitze und Schwüle, eine unterschwellige Ahnung von Erotik und Wahnsinn, die Allgegenwart von Lügen und Verzweiflung schweben über der gesamten Szenerie. Am Ende der Ferienwoche treibt eine Leiche im Pool. Ist es Mord, Selbstmord oder Unfall? Dieses suggestive Kammerspiel breitet falsche Fährten und düstere Vermutungen aus. War alles nur ein (Alp-)Traum? Vieles spricht dafür, diese verwirrende Novelle ein zweites oder drittes Mal zu lesen. Es lohnt sich!«

Ingeborg Jaiser, Titel kulturmagazin

 

»Das ist ein Buch der Kontraste. Die Helligkeit und Hitze des Julis an der französischen Riviera paart sich mit der Düsternis und Kälte einiger unglücklicher Menschen. Die unbarmherzige Sonne über diesen englischen Urlaubern lässt hervorbrechen, was sich sonst so gut verstecken lässt. Aus dieser Konstellation hat Deborah Levy ein raffiniertes Kammerspiel gebaut: mit Figuren, die sich gegenseitig belauern, die sich verstellen und eigentlich ständig aneinander vorbeireden, in absurden, manchmal auch sehr komischen Dialogen. Deborah Levy arrangiert ihr Personal mit dramaturgisch gut kalkulierter Kraft: Selten tritt man in Gruppenbildern auf, meist in Konstellation zu zweit oder zu dritt. Mit wenigen Details erschafft sie eine sinnliche Szenerie. Ihre Sprache bewegt sich mit knapper Präzision und mündet immer wieder in trockene Pointen ohne jede Effekthascherei.«

Ursula Echerig, Der Tagesspiegel

 

»Der Roman wurde in Großbritannien gefeiert, weil er seine Leichtigkeit mit allerhand Wassermythen und Verführungsmärchen auflädt. Gerade einmal 160 Seiten braucht Deborah Levy, um den Sommerferientraum einer erschöpften Familie in einen Psychothriller zu verwandeln. Dieser Roman liegt leicht im Wasser, er floated durch die heißen Tage, und erinnert nebenbei daran, dass nicht alles am Sommer bezaubernd sein muss. Geben wir dem Winter noch eine Chance.«

Jan Drees, jetzt.sueddeutsche.de

 

»Seite um Seite verheddern sich die Figuren in dem unsichtbaren Netz, das ihnen die Autorin auslegt. Deborah Levys Kunst besteht darin, in ihrem Schreiben Tragik und Komik zu vereinen. Heim schwimmen ist auch deshalb ein so sympathisches Buch, weil es den menschlichen Schwächen mit Witz und Empathie begegnet.«

Jutta Sommerbauer, Die Presse

 

»Levys Sätze sind direkt, mal derb, mal filigran, doch immer voller Witz. Die Autorin hat schon einige Romane geschrieben und in der englischen Presse viel Lob erhalten. Dies ist der erste, der auch auf Deutsch erscheint. Zum Glück, sonst würde uns etwas entgehen!«

Magazin Bücher

 

»In allen Figuren finden sich Abgründe: unerfülltes Verlangen nach Anerkennung, Liebe Geborgenheit und Heimat. Deborah Levy gelingt mit Heim schwimmen ein kleines Kunststück. Poetisch, packend und hoch amüsant.«

Jörn Seidel, Nordwestradio

 

»Jedes Kapitel wird aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, was der Handlung eine spezielle Dynamik verleiht. Mit einer klaren und wuchtigen Sprache setzt sich Heim schwimmen mit Verlust und Verlangen auseinander, mit Vergangenheit und Heimat. Der Roman zeichnet auf gerade einmal 163 Seiten in sieben erzählten Tagen ein von Entfremdung geprägtes Familienporträt mit einem unerwarteten Ende.«

Kathy Stolzenbach, Kölner Stadt-Anzeiger

 

»Den neuen Roman von Deborah Levy durchlebt man wie einen schwülen Traum: seine Bilder flirren, die Sätze rotieren und die Handlung grollt wie ein Gewitter in Episoden heran. Die Autorin versteht es, ihren Ton auszubalancieren, manchmal tönt er beschwingt im Stile einer leicht bekleideten französischen Sommerkomödie, dann wieder inszeniert sie mit gnadenlosem Esprit ein Anti-Arkadien in den französischen Seealpen, um hernach alles mit schwarzem Humor zu grundieren. Levy bereitet ihren Figuren das Leben als Kriegsschauplatz und verhilft dabei dem kühlen Begehren ebenso zu seinem Recht wie der Unwägbarkeit des Daseins.«

Shirin Sojitrawalla, Aargauer Zeitung

 

»Die Autorin benützt Kitty, um in einer Ferienwoche Schicht für Schicht die Masken der anderen Feriengäste abzutragen und die Seelenlage der Protagonisten aufzudecken. Wohin schwimmen wir, wenn wir nicht wissen, wo wir zu Hause sind? Zerbrechlich sind die Beziehungen der Menschen und unsere Lebensillusionen, und manchmal bedarf es wenig, um aus der Bahn geworfen zu werden. Deborah Levy ist im vergangenen Jahr zu Recht mit ihrem Buch in die enge Auswahl des Booker Prize gekommen. Mit ihrem kleinen, aber sehr dichten Roman, angesiedelt ausgangs des vergangenen Jahrhunderts, zeigt sie, wie tiefgreifend dessen Grausamkeiten auf die scheinbar heile Welt des Einzelnen wirken und wie schnell das Gerüst aus Illusionen und Lebenslügen einstürzen kann.«

Thomas Mahr, Lesart

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