Saison der Wirbelstürme

Saison der Wirbelstürme

Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar

Quartbuch. 2019
240 Seiten. Klappenbroschur
Buch 22,– € / E-Book 18,99 €
ISBN 978-3-8031-3307-6
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Die Hexe ist tot, ermordet – aber hat sie’s nicht genau so gewollt? Sprachgewaltig, schmutzig und mit der Sogkraft eines Wirbelsturms schreibt Fernanda Melchor, eine der wichtigsten jungen Stimmen Lateinamerikas, über die viel zu alltägliche Gewalt gegen Frauen.

La Matosa, eine gottverlassene Gegend in der mexikanischen Provinz. In der brütenden Hitze bewegt sich eine Gruppe von Kindern durchs Zuckerrohrdickicht. Zwischen Plastiktüten und Schilf stoßen sie auf eine Tote, ihr Gesicht ist zu einer grausig lächelnden Grimasse entstellt: La Bruja, die Hexe, eine von den Dorfbewohnern so gefürchtete wie fasziniert umkreiste Heilerin.

Manche sagen, in ihrer schwefligen Küche braue sie Tränke gegen Krankheit und Leid, andere sagen, die Alte treibe es mit dem Teufel. An Mordmotiven fehlt es nicht: Eifersucht, Drogenhandel, Leidenschaften, die besser nicht ruchbar werden – und hat die Hexe nicht doch einen Schatz versteckt? Selbst die Polizei sucht nach dem Geld …

»Saison der Wirbelstürme« ist die Chronik dieses unvermeidlichen Todes und zugleich die schwindelerregende Reise ins finstere Herz eines Landes, das bis in den letzten Winkel von Gewalt durchdrungen ist – vor allem gegen Frauen. Fernanda Melchor schafft eine brodelnde Atmosphäre, in der jede Geste der Zärtlichkeit im nächsten Augenblick in Brutalität umschlagen kann, gegen die kein Kraut, kein Zauberspruch mehr hilft.

Fernanda Melchor

© privat

Fernanda Melchor

Fernanda Melchor, 1982 im mexikanischen Bundesstaat Veracruz geboren, schreibt Romane und Reportagen. Sie lebt in Puebla und gilt als die talentierteste Autorin ihrer Generation. 2019 wurde sie für die »Saison der Wirbelstürme« mit dem Anna-Seghers-Preis und dem Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt ausgezeichnet.

»Endlich! Endlich ein großartiger Roman, ambitioniert, entschlossen. Endlich ein Roman, in dem die unerträgliche Tragödie Mexikos nicht hinter abgedroschenen Sätzen und leblosen Figuren verschwindet.« Antonio Ortuño

»Melchor schreibt mit der wütenden Kraft, die ihr Thema erfordert. Und sie zeigt auf jeder Seite ein Gespür und eine Schärfe, wie man sie in der Literatur selten findet.« Yuri Herrera

 

Leseprobe

Sie kamen durch die Bresche vom Fluss her zum Kanal, die Schleudern bereit zum Kampf, die Augenlider im gleißenden Mittagslicht zusammengekniffen, fast vernäht. Sie waren zu fünft, nur ihr Anführer trug eine Badehose, die rot zwischen dem grünen durstigen Zuckerrohr leuchtete, das jetzt Anfang Mai noch niedrig stand. Der Rest der Truppe folgte ihm in Unterhosen und Gummistiefeln, abwechselnd trugen sie den Eimer mit den Steinen, die sie morgens aus dem Fluss geklaubt hatten. Alle vier finster, grimmig und so wild entschlossen, aufs Ganze zu gehen, dass nicht einmal der Kleinste von ihnen gewagt hätte, seine Furcht einzugestehen, während er seinen Gefährten vorsichtig folgte, die gespannte Gummischleuder in den Händen, den Stein gegen das Lederstück gedrückt, bereit, dem Erstbesten, der ihm in die Quere kam, den Schädel einzuschießen, sollte irgendetwas auf einen Hinterhalt hindeuten, das Zwitschern des Schwefeltyranns, der als Wache postiert in den Bäumen hinter ihnen saß, oder das Rascheln heftig zur Seite gedrückter Blätter oder das Sirren der Steine, wenn sie direkt vor ihren Gesichtern die Luft zerschnitten, die warme Brise, in der die Geier am fast weißen Himmel kreisten und die von einem Gestank erfüllt war, der schlimmer war als eine Handvoll Sand im Gesicht, einer Ausdünstung, die einen ausspucken ließ, um sie nicht zu schlucken, die einem jede Lust raubte, weiterzugehen.

Aber der Anführer deutete auf den Rand des Schilfs, und zu fünft robbten sie über das trockene Gras, fünf Körper wie einer, von grünen Fliegen umschwärmt, und so sahen sie schließlich, was aus dem gelben Schaum des Wassers ragte: das halb verweste Gesicht eines Leichnams zwischen Schilfgras und Plastiktüten, die der Wind von der Straße herüberwehte, eine schwärzliche Maske, lächelnd in einem brodelnden Gewusel schwarzer Schlangen.

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