Moskau - Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
384 Seiten. 14 x 22 cm. Gebunden
Moskau in den dreißiger Jahren. Die Pragerin Ri muss sich entscheiden: Will sie das kleine luxuriöse Glück in ihrer Wohnung im Ausländerpalast – oder doch einen eigenen Weg gehen in der fremden Gesellschaft? Nach »Mendelsohn auf dem Dach« und »Leben mit dem Stern« nun Jiři Weils umstrittener Debütroman: vom Zusammenleben in politisch wirren Zeiten.
Ri ist aus Prag nach Moskau gekommen, wo ihr Mann Robert als Vertragsingenieur arbeitet, um den Sozialismus aufzubauen. Früher ist sie fast täglich ins Kaffeehaus gegangen, jetzt lebt sie in diesem merkwürdigen, schmutzigen Land, wo die Menschen keinen Kaffee trinken und keine Automobile besitzen, sondern sich rempelnd durch die Menge drücken, um einen Platz in der Straßenbahn erkämpfen. Zuhause, das steht fest für Ri, würde sie ein europäisches Leben haben. Wofür hatte sie schließlich die ganzen Dinge samt der roten Porzellantassen mitgebracht?
Aber nach und nach begreift sie, dass ein Leben außerhalb der Gesellschaft nur schwer möglich ist: Sie beginnt, den politischen Zirkel für Ausländer zu besuchen, fängt als einfache Arbeiterin in der Fabrik an und macht dort schnell Karriere. Wieder geht es um Privilegien, aber auch um Loyalität, etwa gegenüber dem von der Kommunistischen Partei ausgeschlossenen Freund Jan Fischer. Wie wird sie entscheiden?
Der erste Roman des großen tschechischen Autors Jiři Weil entwirft ein facettenreiches Panorama der dreißiger Jahre, wobei sich sein Blick von Prag aus Richtung Osten wendet.
»Moskau – die Grenze«, erschienen 1937 in Prag, wurde nach 1945 als zersetzendes Werk aus den Bibliotheken entfernt. Sein Autor wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und distanzierte sich schließlich sogar von seinem Roman. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien in Berlin 1992.

© Archive Torst Publisher
Jiří Weil
Jiří Weil, geboren 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy, studierte und promovierte an der Karls-Universität in Prag. Vom Kommunismus begeistert, ging er 1933 nach Moskau, um dort als Journalist und Übersetzer marxistischer Literatur zu arbeiten. Nach dem Ausschluss aus der Partei und der Deportation nach Mittelasien im Zuge der ersten stalinistischen Säuberungen kehrte Weil 1935 nach Prag zurück. Als 1939 die sogenannte Resttschechei von den Nationalsozialisten besetzt wurde, konnte er der Verfolgung nur durch einen vorgetäuschten Selbstmord entgehen.
In der Nachkriegszeit war Weil Mitarbeiter am Jüdischen Museum in Prag. Er arbeitete zudem als Redakteur und Autor, war in seiner schriftstellerischen Tätigkeit durch ein siebenjähriges Publikationsverbot jedoch stark eingeschränkt. Jiří Weil wurde 1956 rehabilitiert, starb aber drei Jahre später an Leukämie.
Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild. Heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.
