Was wird

Was wird

Erzählungen

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Quartbuch. 2009
224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
19,90 €
ISBN 978-3-8031-3223-9
vergriffen

Momentaufnahmen aus dem Leben von Menschen mit gebrochenem Herzen: Singles auf der Suche nach dem Lebenspartner, Paare auf der Suche nach einem Weg aus der Krise, alle auf der Suche nach dem Sinn. Erzählungen über das Leben in Gesellschaft.

Jede der zwölf Geschichten dreht sich um jenen Moment dramatischer Zuspitzung im Leben, in dem das Innerste zutage tritt. In diesen schonungslosen, oft intimen Beobachtungen geht es um Menschen, deren Ehen zu scheitern drohen, die im Kino sitzen und einen Film ohne Ton ansehen, die sich auf ein Sexabenteuer mit einem Fremden im Hotel einlassen oder Nähe nur in einer Telefonbeziehung erleben.
Die Helden A. L. Kennedys tragen Zärtlichkeit und Enttäuschung, Verletzbarkeit und Verlangen in sich, tiefes Leid, aber auch überraschendes, kindliches Staunen. Bei allen trifft sie die emotionale Wunde, die Einblick in die Persönlichkeit gewährt. Auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt, in Nordamerika wie in Großbritannien, erscheinen uns diese Träume, Sehnsüchte und Ängste gefährlich nahe und auf merkwürdige Weise vertraut – es sind die Gefühle unserer Zeit.

A. L. Kennedy

Alison Louise Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, gehört seit ihrer ersten Aufnahme in die legendäre Granta-Anthologie »Best of Young British Writers« (1993) zu den meistbeachteten Autorinnen Großbritanniens und gewann zahlreiche Preise. Die Autorin, Dramatikerin, Komikerin und Filmemacherin lebt in Glasgow.

»Egal, ob man A. L. Kennedy erst gestern, eine Weile nicht oder gar noch nie gelesen hat: Stets frappiert ihre Art, über das Leben, die Liebe und den Tod, über Sex, Gewalt, Einsamkeit und Sehnsucht mit einer Unmittelbarkeit zu schreiben, die aufs Ganze geht und dabei stets mit schmerzlicher Präzision die richtigen Worte findet.« Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Pressestimmen

„Alison Louise Kennedy hat sich längst als eine der herausragenden Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur profiliert, und die in ihrem neuen Erzählband enthaltenen Geschichten – von Ingo Herzke feinhörig und stilsicher ins Deutsche übersetzt - bieten eine Art Panorama der Themen und Stimmungslagen, die Kennedys bisheriges Schaffen prägten: sublimierter Horror, nur selten gelingende Liebe, die Last des Leibes und die Fluchtversuche durch die schmale, von stachligen Verhauen umgebene Pforte der Sexualität, die wenigstens momentweise Erlösung verheisst. So facettenreich sich das Panoptikum der Charaktere in diesem band entfaltet, man hat auch – aber dies soll nicht als Kritik gelten – nachgerade Grund zu bedauern, dass Kennedy den Blick mehrheitlich auf ihre Figuren fixiert. In einer der Erzählungen finden sich derart exquisite kleine Naturvignetten – der «Lichtzwischenraum» der zusätzlichen hellen Stunde, welche die Zeitumstellung im Frühjahr mit sich bringt, ein von Wind und Schatten gemodelter Strand im Abendlicht - , dass man die Schrifstellerin auf diesem Weg augenblicklich weiterkomplimentieren möchte. Wenn A. L. Kennedy am Ende der letzten Erzählung ihre Leser inmitten eines fröstelnden Grüppchens von Fans und Möchtegern-Zauberern stehenlässt, die nach der Show stundenlang vergeblich am Hintereingang auf den König der Bühnenmagier warten – dann hofft man, dass die literarische Hexenmeisterin aus Schottland mit ihren Lesern gnädiger verfährt, und fragt, den Titel ihres jüngsten Buches aufnehmend, schon neugierig im Blick aufs nächste: «Was wird?»"

Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung

 

„Geschmeidige Handlungsverläufe und polierte Textoberflächen sind A. L. Kennedys Sache nie gewesen. Eher schon kombiniert die 1965 im schottischen Dundee geborene Schriftstellerin Einblicke in Gefühlsinnenwelten normal komplizierter Zeitgenossen mit handfestem Zynismus, und das geht selten in bruchlos glatter Prosa auf. Kennedy hat es nicht auf den spektakulären Plot abgesehen - im Gegenteil, ihre Wendungen und Entwicklungen sind häufig absehbar. Sie interessiert, wie der Mensch rund um die großen und kleinen Schicksalsschläge weiterlebt: was er abwehrt, wo er hindenkt, wie er leidet. Dafür rückt sie fast quälend nah an ihre Figuren heran, protokolliert ihre Gedanken samt Abschweifungen und Hängern. So kühn A. L. Kennedy auf der Kurzstrecke auch formal experimentiert - ihre Storys verbindet die beinahe altmodisch wirkende Idee der compassion, des Mitleids. In einem Interview hat die Autorin erklärt, dass sie immer wieder Menschen in Lebenskrisen und Niederlagen schildert, weil es sonst "keine kulturelle Möglichkeit" gebe, "das Gefühl des Versagens auszudrücken". Tatsächlich fügen sich die Kurzgeschichten nebenher zum Porträt einer westeuropäischen Mittelschicht, die weniger von sozialen Verwerfungen als emotionaler Verdrängung gekennzeichnet ist: Es gibt keine verbindlichen Formen des Umgangs für den plötzliche Einbruch der Liebe oder der Erinnerung, für Krankheit und Zurückweisung, Einsamkeit oder Tod. Man muss sie sich selbst erst erfinden. Das tut auch die menschenfreundliche Pessimistin Kennedy - mit dem Ergebnis, dass ihre Menschen sich bei allem erzählerischen Reichtum in ihrem Galgenhumor, in ihrer Verwirrung und Haltlosigkeit überraschend ähnlich sind."

Eva Behrendt, die tageszeitung

 

„Zwölf Geschichten, die um einen novellistischen Kern kreisen, ohne auch nur eine Sekunde lang die Ruhe einer Novelle auszustrahlen, versammelt der neue Erzählungsband von A. L. Kennedy. Die 1965 geborene Schottin ist die vielleicht außergewöhnlichste Autorin ihrer Generation, eigenwillig bis zur Selbstauslöschung. Ganz gewiss aber ist sie die Meisterin einer neuen Form der Short Story: runtergehungert bis aufs Skelett vollständiger Nüchternheit, durchlässig bis ins Mark, mit Nervenbahnen, die Botschaften von Verlusten funken. „Was wird" versammelt Geschichten von einer Dringlichkeit, die keine Ausweichbewegung erlaubt. Es gibt kein Außerhalb, keine Transzendenz, alles ist Realität. Und doch gibt es manchmal die Hoffnung auf ein Glück, das in den Synapsen haust. Wie immer bei dieser Autorin, hat es mit Berührung zu tun, konkret von Haut zu Haut, aber auch im übertragenen Sinn des Sich-Öffnens und der Hingabe. Wo so etwas möglich ist, schießen den Menschen Tränen in die Augen. Der Leser wird in die Geschichten hineingestoßen wie über die Schwelle eines dunklen Raumes, in dem er sich nur tastend orientieren kann. Er wird Teil eines Szenarios, bei dem der Schmerz, aber auch die seltenen Momente des Glücks abrupt eintreten. Kennedys Art zu erzählen erlaubt keine Distanz. Alles ist da und sitzt schon in den Eingeweiden. Die Autorin benutzt wiederkehrende Stilmittel, etwa die Kursivschreibung besonders dringlicher innerer Monologe, und verblüfft zugleich mit Einfällen, die ganz auf eine bestimmte Erzählung zugeschnitten sind. Es ist klar, dass die reduzierte Form dieses Erzählens nur über die Evokation von Vorwissen und von Klischees funktionieren kann. Und doch lässt dieser Erzählungsband, von Ingo Herzke treffend übersetzt, das Bekannte weit hinter sich. Jede Geschichte ist wie ein eigener Gegenstand, den man nicht verlieren will. Man ahnt, dass man in seinem Leserleben immer wieder darauf zurückkommen wird."

Meike Fessmann, Tagesspiegel

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„Die erste Alison-Louise-Kennedy-Lektüre ist so etwas wie die Biologiestunde, in der erstmals das Mikroskop auf dem Tisch steht. Plötzlich tun sich Welten auf, wo zuvor nur Fläche war. Nicht Handlung treibt die Bücher der 45-jährigen Schottin an, sondern der Blick fürs Subkutane, Winzigkeiten, die weniger geschulte Schreiber übersehen würden. Weil Kennedys Kunst in der literarischen Miniatur, also im einzelnen Satz liegt, sind Erzählungen ihre Königsdisziplin. "Was wird" fasst ein neues Dutzend davon zusammen. Zwölf Schlaglichter, deren Ränder sich erst nach und nach erhellen. Etwa bei diesem Paar, das ent- und befremdet durch Manhattan läuft, verstummt von den vorweggenommenen Missverständnissen, die jeder Satz bereithalten würde, wütend, traurig, vor allem aber enttäuscht von dieser Wirtschaftskrise, die sie plötzlich aus der einen Wirklichkeit in eine ganz andere kippt. So wenig sind diese mehrheitlich in Schottland spielenden Geschichten mit dem letzten Satz zu Ende, wie sie mit dem ersten beginnen. Aber in ihrer Detailversessenheit entwickeln sie auf der Kurzstrecke einen erzählerischen Sog, der in der Fantasie des Lesers nachhaltige Verwirbelungen hinterlässt.“

 Gregor Kessler, Financial Times

 

„Dieser neueste Geschichtenband der schottischen Erzählerin, Filmemacherin und Stand-Up-Komikerin Alyson Louise Kennedy umfasst zwölf Erzählungen. Alle handeln von enttäuschten, unglücklichen Leuten mittleren Alters, in ihren Dreißigern und Vierzigern. Das Leben all dieser Leute hat sich bereits in Klischees verfangen – halb ahnen sie es und sind deshalb über sich selbst vage enttäuscht. Das ist zugleich tragisch und komisch – tragikomisch. A. L. Kennedy ist eine furchtlose Erzählerin. Sie lässt sich auf extreme Gefühlszustände ein, dies jedoch mit kaustischem Witz. Sie erzählt von Elend, Kummer, Einsamkeit und Beschädigungen aller Art, seelischen und körperlichen (es wird viel geblutet in diesen Stories), aber zugleich sind diese Geschichten furchtbar lustig und voll schräger Situationskomik. Kennedys Virtuosität besteht darin, dass sie Stimmungen oft von Satz zu Satz umkippen lassen kann. Zu rühmen sind ihre Wahrhaftigkeit, ihrer klarer Blick, ihr Humor, ihre klarsichtige Menschlichkeit. Sie hat Mitgefühl mit ihren Figuren, aber kein Mitleid (Mitleid wäre sentimental).“

 Sigrid Löffler, rbb Kulturradio

 

„Die zeitgenössische Literatur, das lässt sich im jüngsten Erzählband gerade wieder überprüfen, wird beherrscht von der A.L. Kennedy-Konstante des menschlichen Unglücks: Am Anfang allen Leidens steht die Liebe. Was immer die Menschen in den Erzählungen der schottischen Autorin vornehmen, sie scheitern, weil sie die Liebeshürde nicht bewältigen. Gleichgültigkeit ist nur eine - allerdings mörderische - Form der Bestrafung. Bei Kennedy treffen wir auf die durchschnittliche westliche Katastrophenstimmung. Körper und Geist sind erschöpft und ausgelaugt. Es gibt nichts, was ihre Figuren noch aus der Reserve locken könnte. Sie erzählt von Niederlagen mit derartig anmutiger Grausamkeit, dass sie alle Argumente auf ihrer Seite hat. Ein Mann stirbt, die Witwe bemerkt, "dass sie unangemessen teilnahmslos" ist. Und bald geht ein anderer Mann ein und aus bei ihr, auf dass sie geliebt wird. "Vielleicht sogar besser geliebt wird als zuvor." Die Dramen bei Kennedy spielen sich in solch kleinen, beiläufig hingesagten Sätzen ab: "Da muss irgendwas nicht Sichtbares kaputt sein." Das Sichtbare ist rasch erzählt, aber das Verkorkste, Zerschrammte, Verbogene der Seele macht Individuen erst zu solchen. Jedes Liebesdrama bekommt eine eigene Aura des Scheiterns. So sehr liebt diese Autorin ihre Unglücksraben, dass sie keinen abspeist mit Jokersätzen, die überall passen. Jedes Unglück wird bedacht mit einer Sprache, die nur ihm allein gemäß ist. Das muss Kennedy erst einmal einer nachmachen. Sie schafft das deshalb so gut, weil sie einen zweifachen Blick auf Menschen wirft. Einer zeigt, wie jemand sich gibt, sich präsentiert in seinem Alltagsgewand, das dazu da ist, die anderen zu täuschen. Es schützt Souveränität vor, wo längst alle Dämme gebrochen sind. Und dann sieht man, wie sich Menschen in sich zurückziehen, grübeln und sich erschrocken ihrer Leiden versichern. Zwei Wahrheiten ergeben einen ganzen Menschen. A. L. Kennedys Erzählband ist ein weiterer Beitrag zu ihrer Chronik der Schmerzen. Um großartige Prosa handelt es sich in diesem Fall sowieso.“

 Anton Thuswaldner, Frankfurter Rundschau

 

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